Dormaa Ahenkro 2014
Cosmos Children

Dormaa Ahenkro – 2014

Auf dem Foto, das ich kurz vor meinem Abschied im Center gemacht habe, ist viel von dem zu sehen, was Neues im vergangenen Jahr entstanden ist. Viele Menschen stehen dicht gedrängt in einem grün gestrichenen zu einer Seite hin offenen Flur. Sie stehen in unserem neuen Haus, das wir tatsächlich im Februar 2014 kaufen konnten. Davon später.

Die Kinder
Zunächst die Kinder. Es geht ihnen gut, richtig gut. Selbst Kobi, der uns vor einem Jahr große Sorgen gemacht hat und nur noch Haut und Knochen war, macht einen gesunden, wohl genährten und auch zufriedenen Eindruck. Er hat deutlich zugenommen!

Isaac ist wacher geworden, vor allem den Unterricht genießt er, er beteiligt sich lachend und lautstark. Ich war überrascht über seine Sicherheit beim Formenzeichnen, hat er doch vor drei Jahren zum ersten Mal überhaupt einen Stift in der Hand gehabt.
Salafina ist erst vor knapp zwei Jahren zu uns gekommen. Ihr Blick ist anders geworden, nicht mehr so nach innen gerichtet. Sie nimmt immer mehr Anteil und schreit lautstark, wenn ihr etwas nicht passt.
Sam, unser nicht sprechender Philosoph und großes Schlitzohr, kann anfänglich lesen und schreiben; er rechnet schrecklich gern „komplizierte“ Divisionen. Die Aufgabe 12 verteilt auf 4 erledigt er trotz seiner heftigen Spastik auch in den Händen, indem er 12 Klötze abzählt, 4 Spieltiere hinstellt und genau verteilt. Die Antwort schreibt er dann schwungvoll auf eine kleine Tafel.
Bright, der uns mit seinem herrlichen herzkullernden Lachen und Sprechen ständig verwöhnt, baut weiterhin unermüdlich aus kleinen Holzklötzen große Häuser, Garagen, Ställe. Manche Gebilde sehen wie eine wunderschöne Moschee oder ein Palast aus. Mir scheint, er bereitet etwas vor.
Bleibt noch Joshua. Er wird weiterhin an 4 Tagen in der Woche gebracht und abends wieder abgeholt. Er sitzt in seinem Rollstuhl und nimmt an allem freudig und oft laut kommentierend teil.

Joseph, Lehrer und Hausvater und ...
Dass es den Kindern so gut geht, ist in erster Linie Joseph zu verdanken. Er ist 28 Jahre alt, wohnt seit einem Jahr im Center, ist so etwas wie ein Vater für die Kinder, kümmert sich um schier alles und macht einen atemberaubend herzlichen Unterricht. In den ersten Tagen habe ich einfach nur zugeschaut und war tief berührt von der Freude und dem Lachen zwischen ihm und den Kindern. Ich hab das überhaupt nicht so hingekriegt, als ich den Unterricht übernommen habe ... 

Gemeinsam haben wir überlegt, was im kommenden Jahr Neues hinzu kommen kann und vor allem, wie man es mit den einzelnen Kindern am besten „hinkriegt“. So haben wir für jedes Kind einen kleinen „Plan“ ausgearbeitet, Joseph ist offen für jede Anregung. Was aber vor allem bei ihm „stimmt“, das ist seine innere Haltung unseren Kindern gegenüber; das Sprechen über den unsichtbaren gesunden Wesenskern eines jeden Menschen gelingt leicht mit ihm, aber vor allem: er lebt diesen Gedanken in einer selbstverständlichen und herzlichen Weise.
Joseph wünscht sich sehr Kurse besuchen zu können, er möchte gern mehr über Kinder mit Behinderung erfahren. Solche Kurse gibt es in Ghana, sie sind für dortige Verhältnisse teuer. Ich hoffe, wir werden Sponsoren finden!

Yaa und Atta
Auf dem Foto stehen Yaa und Atta nebeneinander. Beide sind vor wenigen Monaten „einfach so“ ins Center gekommen, haben angefangen zu helfen, zu kochen, zu waschen und bekommen mittlerweile auch ein kleines Gehalt.

Yaa, meist „the old woman“ genannt, kommt aus dem Norden Ghanas. Sie strahlt eine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit aus. Sobald ich weg bin, wird sie ins Center einziehen und somit vor allem Joseph sehr entlasten, der dann auch mal abends oder am Wochenende seine Freunde besuchen kann.
Atta kommt von „nebenan“, sie bringt ihr kleines Kind mit, ist wieselflink und ersetzt wohl gerade Monica, die in den nächsten Tagen wohl ihr viertes Kind gebären wird.

Amma
Amma sticht auf dem Foto hervor, sie ist eine sehr große, schöne und elegante Frau. Sie verwaltet das Geld, führt darüber äußerst korrekt Buch und besucht mit ihrer winzig kleinen Tochter fast täglich das Center. Ich habe mich mit ihr gut verstanden, köstliche Situationen mit ihr erlebt und durfte auch mal ihre Perücke tragen. (Jede Ghanaerin, die es sich irgendwie leisten kann, trägt trotz der großen Hitze eine Perücke mit kurzen oder langen, aber unbedingt glatten Haaren.)

Ein neuer Manager
Im Laufe des vergangenen Jahres wurde klar, dass unser damaliger Manager seine großen Versprechungen nicht halten konnte, insbesondere beim Hauskauf, wo wir sehr auf ihn angewiesen waren, hat er einfach geschlurt und auch eine für ghanaische Verhältnisse große Summe (ca. 250 €) in die eigene Tasche gesteckt. Cosmos hat ihn zur Rede gestellt, er will auch das Geld zurückzahlen, hat es aber noch nicht getan.

In dieser nicht sehr einfachen Situation (wir brauchen in Ghana unbedingt verlässliche Partner !) hat Cosmos das einzig Richtige getan: Er hat den Manager vor die Türe gesetzt und stattdessen Owuso Sekyere, der beim department of social welfare arbeitet und in dieser Funktion das kleine Center schon seit Jahren gut kennt, gebeten unser neuer Manager zu sein.
Owuso ist ein Goldstück, das kann ich nicht anders sagen. Jeden Tag besucht er das Center, schaut, ob alles in Ordnung ist, schaut nach den Kindern, und ist für Joseph ein wichtiger Ansprech- und Beratungspartner, vor allem was den Bau betrifft.
Owuso hat auch in Erfahrung gebracht, dass wir uns nicht wie bisher Cosmos-Children-Home nennen dürfen, sondern besser COSMOS-CENTER-FOR-CHILDREN-WITH-SPECIAL-NEEDS. So heißen wir jetzt. (Mit dem Begriff „home“ hat man jüngst in Accra schlechte Erfahrungen gemacht).

Die Eltern
Eltern sind auch auf dem Foto zu sehen. Dass sie gekommen sind, hat mich besonders gefreut, denn die Zusammenarbeit mit den Eltern ist uns allen sehr wichtig! Im Frühling, als Cosmos wegen des Umzuges in Dormaa war, hat er herzlich an die Eltern appelliert, öfter zu kommen und einfach zu helfen. Damals waren Yaa und Atta noch nicht da, und alle Arbeit blieb an Joseph hängen. Einige Eltern sind dann wohl auch gekommen und haben beim Umzug geholfen, und auch an den Wochenenden waren manche zur Stelle. 

Für die Kinder ist es immer ein Fest, ein herzbewegendes Fest, wenn die Eltern kommen. Es finden auch immer wieder meetings statt, auf denen die Eltern u.a. gefragt werden, ob sie Wünsche, Ideen für die Zukunft haben. Manch gute Anregung kommt, vor allem aber ist tiefe Dankbarkeit spürbar.
Uns allen ist in diesem Jahr sehr bewusst worden, dass wir ein Zentrum werden möchten für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, dabei aber immer die Eltern mit ins Boot nehmen möchten. Die Eltern sollen, soweit sie können und wollen, Mitgestalter sein. Das ist nicht nur für die Kinder gut, sondern auch für die Umgebung. Dass es normal und „ in Ordnung“ sein kann, ein Kind mit einer Behinderung zu haben, diese Botschaft helfen unsere Eltern langsam im Dorf und sogar in der weiteren Umgebung zu verbreiten. Times are changing ... wir haben oft darüber gesprochen, was das sein könnte und glauben zu spüren, dass es in Dormaa leise beginnt ...

Physiotherapie
Nicht auf dem Foto zu sehen ist unser neuer Physiotherapeut. Wir haben uns schon lange für unsere Kinder Physiotherapie gewünscht (keines unserer Kinder kann laufen ...), und als Freunde aus Aachen im Juli für ein paar Tage das Center besucht haben und meinten, es sei ja alles wunderbar dort, aber Physiotherapie, das würde den Kindern doch sicher helfen und gut tun, und sie würden auch dafür sorgen, dass die dazu nötigen Spenden fließen, da haben wir uns sehr gefreut und unseren Manager gebeten, in Dormaa nach einem solchen Menschen Ausschau zu halten.

Und so kommt nun dreimal die Woche zur großen Freude der Kinder (!) ein Physiotherapeut; bereits nach 3 Wochen waren erste kleine Fortschritte sichtbar; ich konnte es kaum glauben! Die Kinder arbeiten aber auch begeistert mit.

Cosmos und Susanne
Wer natürlich auf dem Foto fehlt, aber irgendwie die ganze Zeit anwesend war, das ist Cosmos. Und natürlich Susanne, seine Frau. Beide verfolgen und unterstützen sehr intensiv das Leben im Center, fast täglich ruft einer an. Im Januar wird Cosmos wieder hinreisen.

Unser neues Haus
Ich habe mich richtig auf das neue Haus gefreut! Seine Lage ist einfach schön, viel mehr „mittendrin“ als vorher. In den Räumen habe ich mich gleich wohl gefühlt, Cosmos hat sie in einem schönen kräftigen Blau gestrichen, der Flur hat ein für Ghana typisches Grün bekommen. Es gibt eine Toilette und einen praktischen Duschraum. Gekocht wird in einer Ecke des offenen Flures, für die Kinder ist das gut so; sie verbringen viel Zeit in dem breiten Flur und sind jetzt viel näher am Koch- und Wasch- und Palavergeschehen der Frauen dran.

Nur der Schulraum, in der anderen Ecke des Flures untergebracht, ist sehr klein und eng. Auch brauchen die Kinder langsam eigene Hocker sowie einen kleinen Tisch, an dem sie arbeiten können. Eine Tafel an der Wand wäre auch nicht schlecht. Aber das sind nächste Schritte, die wir bald tun möchten. Weihnachten vielleicht ...
Eigentlich wäre es nötig gewesen, das Wellblechdach zu erneuern. Aber auch hierfür reicht das Geld nicht, denn der eigentlich Hauskauf hat alle nur denkbaren und z.T. auch undenkbaren Reserven aufgebraucht.

Deshalb waren wir auch überglücklich, als im Juni diesen Jahres der Bescheid vom Kindermissionswerk kam, dass sie uns mit einer Summe von 6.200 € unterstützen werden!!!
Von diesem Geld können wir ein ,vielleicht sogar zwei Jahre lang den normalen, laufenden Haushalt begleichen können (Löhne, Ernährung, Seife, Pampers, Elektrizität, Wasser ...). In Anbetracht der rasanten Geldentwertung, die gerade in Ghana stattfindet – die Preise steigen von Woche zu Woche – , ist eine genaue Zeitprognose schwer möglich.
Aber dieses Geld hat uns dermaßen ermutigt (und natürlich auch konkret entlastet), dass wir entschieden haben, rasch mit dem Bau von zwei kleinen Häusern auf dem Grundstück zu beginnen. Wir brauchen dringend Platz, wenn wir mehr Kinder aufnehmen möchten, auch muss mindestens ein Werkstattraum her für unsere fast Jugendlichen her.

Geplant sind zwei kleine Häuser im traditionell ghanaischen Stil mit je drei kleinen Räumen, einer Toilette und einem Duschraum.
Als ich ankam, waren die Bauarbeiten voll im Gange und das gesamte Grundstück war mit Baumaterialien übersät. Und ich hatte mich so auf die Arbeit mit den Kindern im Garten gefreut, ein Kistchen voller Samen mitgebracht und etwas Geld für Gartengeräte ...
Auch musste ich mich doch sehr an die ghanaische Arbeitsweise beim Hausbau gewöhnen. Fehlten z.B. Nägel, so kamen die Arbeiter erst, nachdem Joseph welche besorgt hatte. Es konnte dann gut passieren, dass 1 Stunde später ein paar Holzbretter für die Verschalung fehlten, und Joseph musste wieder los ...
Joseph hat sehr genau Buch geführt über alle Ausgaben, und kurz bevor ich gefahren bin, war klar, dass wir mit dem Weiterbau warten müssen, bis wieder etwas Geld da ist.
Innenausbau, Verputzen der Wände, Türen, Fenster, Legen der Wasserleitung, Strom ... all dies kann erst zu einem späteren Zeitpunkt gemacht werden.
Aber auch das ist typisch ghanaisch: Wenn etwas Geld da ist, kauft man Zement und ein paar Steine und fängt an zu bauen. Geht das Geld aus, so bleibt der begonnene Bau einfach so stehen, wie er ist, und vielleicht in einem oder in zwei Jahren wird dann etwas weitergebaut.

Kaum war ich zurück in Aachen, ereilten mich zwei wunderbare Nachrichten:
Eine Kollegin der Freien Waldorfschule in Aachen hat ihre Klasse für das Ghana-Projekt begeistern können, ihre Schüler geben nun jeden Monat von ihrem Taschengeld etwas ab – es kommen auf diese Weise mindestens 40 € monatlich zusammen. Zusätzlich haben nun vor Weihnachten etliche Schüler anderer Klassen, sowie Eltern und Lehrer gespendet, und ich konnte ein Körbchen voller Geld in Empfang nehmen mit 1030 €!!
Aber es gab noch eine zweite schöne Begegnung: Eine Kollegin der Grundschule in Laurensberg hat für unser Projekt geworben und erreicht, dass ich kurz vor den Weihnachtsferien einen Scheck von 555,55 € in Empfang nehmen durfte. Das Geld stammt vom Verkauf von Weihnachtskarten, die die Kinder der Schule gemalt hatten.
Die frohe Botschaft lautet: Es kann weitergebaut werden!! Medase! Danke!

(Wenige Tage vor meiner Abfahrt fing Joseph an, die Baumaterialien auf dem Grundstück zu sortieren, ein Freund hat ihm dabei geholfen. Den dabei entstandenen Platz haben wir eingezäunt, vom Unkraut befreit und umgegraben. Wir haben überlegt, wo Bananenstauden, Yamswurzeln, Möhren, Bohnen usw. gut wachsen könnten und haben uns vorgestellt, wie der Garten in einem Jahr aussehen könnte, wenn ich wieder komme ...)

Patrice Reinhardt