Dormaa Ahenkro2015
Cosmos Children

Dormaa Ahenkro – 2015

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am heiligen See Bosumtwi, südlich von Kumasi gelegen, und versuche meinen diesjährigen Aufenthalt im Centre Revue passieren zu lassen.

Als ich vor 4 Wochen nach langer langer Busreise von Accra nach Dormaa im Centre ankam, waren die Kinder noch wach. Die Begrüßung war wieder sehr herzlich – ich fühlte mich sofort zuhause! Allen Kindern geht es gut, keines ist im vergangenen Jahr ernstlich krank gewesen. Besonders Kobi, unser Sorgenkind, sah wohlgenährt und zufrieden aus. Joshua, der immer nur tagsüber bei uns war, ist mit seinen Eltern in die Voltagegend gezogen. Die drei anderen Jungs sind sehr gewachsen, eigentlich schon fast Jugendliche; sie spielen aber immer noch gerne mit den einfachen Holzklötzen, mitgebrachten kleinen Autos und Holztieren. Eine Murmelbahn war das diesjährige Highlight. Und dennoch ist mir aufgefallen, dass die Hingabe beim Spielen nachgelassen hat, Bright und Isaac sind auch schon fast 15 Jahre alt … Sam, unser philosophierendes Schlitzohr, beschäftigt sich eh lieber mit Rechnen und sogar erstem Lesen! (Twi) Uns wurde allen klar, dass der nächste große Schritt in Richtung Werkstatt getan werden muss.

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Salafina, unser einziges Mädchen, hat mich wieder sehr überrascht. Sie nimmt mittlerweile sehr wach Anteil am gesamten Geschehen, hat auch zum ersten Mal einen Stift in die Hand genommen und gezeichnet.

Vom Personal konnte ich nur zwei Menschen begrüßen: Joseph, unseren lieben Hausvater und Lehrer, sowie Yah, von allen Nma genannt (was wohl eine Ehrbezeichnung für Mutter ist), die in stiller Weise weiterhin jeden Tag Berge von Wäsche mit der Hand wäscht, täglich für alle drei warme Mahlzeiten kocht, Salafina wäscht und wickelt usw.
Atta und Amma, die noch im vergangenen Jahr heftig palavernd mitgekocht haben, haben sich vom Centre verabschiedet, es hatte Streit zwischen den Frauen gegeben, Atta verlangte zudem mehr Lohn, als das Centre ihr geben konnte.

Gleich am nächsten Morgen konnte ich unseren Manager Owuso begrüßen – er hat sich das ganze Jahr über in liebevoller, treuer und kompetenter Weise um die finanziellen und administrativen Belange gekümmert. Wir können nicht dankbar genug sein, diesen Menschen an unserer Seite zu haben! Ihm ist es auch zu verdanken, dass wir nun endlich die richtige Anerkennung als NGO haben! Dies war auch der Grund, dass Cosmos kurz nach meiner Ankunft in Accra war, weil er unter das Dokument noch seine persönliche Unterschrift setzen musste.

Als Cosmos dann endlich in Dormaa war, haben wir viel mit Owuso, Joseph und Nma zusammen gesessen, palavert und wichtige notwendige ("notwendend" ist vielleicht die passendere Beschreibung) Entscheidungen gefällt.

So haben wir entschieden, mehr Kinder aufzunehmen. Die Not der Kinder mit einer Behinderung in Ghana ist weiterhin groß, sehr groß; immer noch werden sie getötet oder im hintersten Winkel versteckt gehalten. Godfred, ein 10-jähriger Junge, der sich fortbewegt, indem er sich mit den Händen am Boden abstützt und Unterleib und Beine hinter sich herschleift, wurde uns von seiner Tante gebracht und gleich übergeben. Er ist nun unser sechstes Kind. Mehr Kinder können nur aufgenommen werden, wenn der begonnene Hausbau fertiggestellt ist. Dazu fehlen uns ca. 2.500 €.

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Wir haben auch entschieden, dass unsere Hausmutter ab sofort Verstärkung bekommt. Obwohl wir uns kaum verständigen konnten (sie spricht kaum Englisch und ich nur ein paar Wörter Twi), haben wir beide ein sehr herzliches Verhältnis zueinander. Seit einigen Tagen hat sie nun Efua an ihrer Seite, beide verstehen sich gut, und die gesamte Stimmung ist entspannter.

Die wichtigste Entscheidung aber, die wir gefällt haben, betrifft direkt unsere Kinder, von denen keines alleine gehen kann.
Bereits vor einem Jahr haben wir vor allem auf Initiative von Rose Blatz-Ommer, die gemeinsam mit Helga Quick während einer Ghana-Reise auch unser Centre besucht hat, nach einem geeigneten Physiotherapeuten gesucht. Wir glaubten einen gefunden zu haben, seine Gehaltsforderungen waren aber so hoch, dass es zu keiner Zusammenarbeit kommen konnte. Nun haben wir zwei Physiotherapeutinnen gefunden, sie arbeiten im Dormaa-Hospital und wollen zweimal in der Woche kommen und mit unseren Kindern arbeiten. Sie machten auf uns einen frischen und kompetenten Eindruck. Auch liegt ihr Gehalt im Dormaa-üblichen Rahmen.

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Wir haben uns für all dies entschieden, obwohl dadurch unsere jetzigen finanziellen Möglichkeiten klar überschritten werden. Wir hoffen sehr auf Spenden!

Schön war es auch zu erleben, dass die Eltern weiterhin ihre Kinder besuchen und ein wenig zum Unterhalt beitragen. Im vergangenen Jahr haben Bright und Sam sogar einige Wochen bei ihren Eltern "Urlaub" gemacht. Auch kommen immer wieder Nachbarn vorbei auf einen Plausch, meist bringen sie etwas Reis, ein paar Yaks o.ä. mit.

Ein besonderes Abenteuer möchte ich zum Schluss noch erwähnen:
Irgendwann musste ich feststellen, dass mir eine große Summe Geld aus meinem Zimmer gestohlen worden war. Mehrere Freunde hatten mir vor meiner Abreise Geld für das Centre gegeben, das Geld von der 7. Klasse der FWS Aachen war auch dabei; insgesamt die stolze Summe von 500 €. Davon sollten endlich Schulmöbel für die Kinder angeschafft werden: ein großer Holztisch und 5 stabile Petö-Stühle (Für den Schreiner hatte ich eine Vorlage mitgebracht). Zudem sollten von dem Geld zwei weitere Räume verputzt werden sowie Decken gezogen werden, damit der Rohbau zumindest ein Stückchen seiner Vollendung entgegen gehen kann (Wir wollen ja mehr Kinder aufnehmen …). Als ich nun merkte, dass mir ca. 450 € fehlten, war der Schreck zunächst groß. Obwohl mir ein vom Center befragter Medizinmann beteuerte, der Dieb würde das Geld zurückbringen, bat ich meinen Mann mir die Summe zu überweisen, damit die Arbeiten weiter gehen konnten.
Auf recht abenteuerliche, typisch afrikanische Weise wurde mir tatsächlich spätabends vor meiner Abreise ein Großteil des Geldes zurückgegeben. Dazwischen lagen etliche Besuche bei verschiedenen Medizinmännern, böse Verdächtigungen, Einschaltung der Polizei, ausgesprochene Flüche, die erst wieder aufgehoben werden müssen (auch hier ist ein Medizinmann erforderlich – es müssen je nach Schwere des Fluches Hühner oder Ziegen geopfert werden …). Letzten Endes haben jedoch genaue Beobachtungen von Nma und Joseph dazu geführt, dass der Dieb gefunden werden konnte: ein Nachbarjunge tauchte plötzlich mit einem Smartphone und neuem Fahrrad auf … Und seine Familie war es dann auch, die mir am Vorabend meiner Abreise den Großteil des Geldes zurückgegeben hat.

So, morgen werde ich diesen wunderschönen Bosumtwi-See verlassen und Richtung Accra reisen. Ich werde in Nsawam anhalten und dort ein Orthopädisches Trainingszentrum besuchen. Den Kontakt hat das Kindermissionswerk hergestellt, und ich erhoffe mir dort Anregungen für eine mögliche Zusammenarbeit zu finden. Übermorgen dann der Rückflug – ich freue mich schon sehr auf meine Lieben.

Patrice Reinhardt
(Ich habe den Kindern versprochen, nächstes Jahr wieder zu kommen …)