Dormaa Ahenkro 2011
Cosmos Children

Meine Zeit in Dormaa Ahenkro – 2011

Vor drei Jahren habe ich mir einen Traum erfüllt, den ich seit meiner Kindheit hatte: Ich bin für 7 Monate nach Afrika gefahren und habe dort gelebt.

Dies geschah im Sinne einer Auszeit: Nachdem ich 14 Jahre lang als Klassenlehrerin an der Parzival-Schule in Aachen (eine Waldorf-Förderschule für besondere Kinder) gearbeitet hatte und unsere jüngste Tochter 21 Jahre alt geworden war (wir haben 5 Kinder), war für mich die Zeit da, etwas ganz Anderes und dennoch Ureigenes zu tun.

Ich arbeitete in Ghana an einer kleinen Schule für Straßenkinder (Baobab-School) und habe mich in dieser Zeit in das Land und insbesondere in die Menschen dort verliebt. Ihre Herzlichkeit – Herzlebendigkeit ist wohl das passendere Wort-, ihre Lebensfreude – ich habe Bereiche in meiner Seele kennen gelernt, von denen ich vorher nur eine schale Ahnung hatte.

Wieder zurück in Aachen, erzählte mir die Mutter eines unserer Schüler von dem Projekt in Dormaa Ahenkro. Ich nahm Kontakt auf zu Cosmos und Susanne in Schweden und begeisterte mich sehr für die Idee, eine Zeitlang -drei Monate waren diesmal möglich – in Ghana mit den vier behinderten Kindern zu leben und zu arbeiten.

Meine Erfahrungen als Waldorf-Förderlehrerin sollte und wollte ich mitnehmen – wobei da schon gleich die ersten Fragen kamen: Kenne ich Afrika gut genug, um nachspüren zu können, was Waldorfpädagogik dort sein und tun könnte? Und wie bringe ich dann meine Erfahrungen an, ohne gleich „weiß, westlich, besserwisserisch, nachkolonial …“ zu sein?

Die Fragen waren nicht unbegründet, denn neben der großen, mich so wärmenden Herzlichkeit und Gastfreundschaft lernte ich einen Bereich der ghanaischen Seele kennen, mit dem es mir schwer fiel umzugehen: Vieles was wir (wir: Lara, 20 Jahre alt, und Raphaela, 24 Jahre alt, kamen etwas später hinzu und haben meine Arbeit weitergeführt) mit den Kindern taten und anlegten, wurde von den dort arbeitenden Erwachsenen still, manchmal dankbar, manchmal aber auch fast devot aufgenommen; aber was sie dabei wirklich dachten und fühlten – da kam ich kaum ran.

Ganz anders die Kinder: Sie freuten sich so sehr, dass jemand kam und mit ihnen spielen und arbeiten wollte. Waren sie zunächst in dem Haus, das Cosmos angemietet hatte, in Sicherheit und gut versorgt, so verbrachten sie doch viele Zeit alleine in ihrem Zimmer, ohne Anregung, ohne Spielzeug, ohne alles ... An dem täglichen Kochen und Waschen und Feuermachen und Spülen und Erzählen der Erwachsenen draußen im Hof nahmen sie kaum teil. Hier veränderten wir als erstes. Wir setzten uns mit den Kindern draußen auf eine Art Terrasse und ließen sie sehen und staunen und teilhaben an dem herrlich bunt-lebendigen Leben auf afrikanischen Straßen. Bald begannen sie mit einfachen herumliegenden Hölzern und Steinen wunderbare Häuser und Ställe und ... zu bauen. Wir setzten sie jeden Tag in Rollstühle, die Kleinen trugen wir oder Monica, eine junge afrikanische Frau, die einfach so zum Helfen kam, auf unserem Rücken, und spazierten eine Runde durch ein kleines Nachbardorf. So erlebten nicht nur unsere Kinder ein Stück Welt, sondern die Menschen in unserer Umgebung nahmen uns wahr, grüßten oder schauten irritiert weg, sprachen uns an, fragten, eine Frau brachte später einen Korb mit Orangen für die Kinder ...

Gleich am ersten Tag gab ich Bright und Samuel, den beiden 8-Jährigen, Holztafeln und Kreide. Unschlüssig schauten sie mich an, sie hatten wohl noch nie einen Stift benutzt, hatten somit auch die herrliche Kleinkindkritzelphase nicht erlebt. Was tun? Sie zum Nachholen anregen? Wie denn? Ich entschied blitzschnell, so wie in der ersten Schulstunde der Waldorfschule zu verfahren. Ich zeichnete eine Gerade und noch eine … Dann reichte ich Bright die Kreide – und behutsam und sehr achtsam zeichnete Bright seine erste Gerade. Es hatte die Stimmung von Schöpfung, von Ich-bin. Stundenlang haben die beiden Ältesten Geraden gezeichnet, immer wieder. Wir haben später auch andere Formen gezeichnet und geknetet, haben die Zahlen bis 7 kennen gelernt, die Namen der Farben (auf Twi und auf Englisch), haben gesungen, viele Fingerspiele gemacht, Rhythmen geklatscht, Flötenmusik gelauscht … Lara führt z.Z. Den Unterricht weiter und zwar so, dass Monica, die wunderbare junge Frau aus dem Nachbardorf, ihn später wird übernehmen können.

Die Kinder haben sich immer sehr auf den Unterricht gefreut, ihn am Wochenende vermisst. Die beiden Kleinen waren immer dabei: Kobi, fast 7 Jahre alt, wurde von Monica gestützt, sie führte auch seine Hand beim Zeichnen. Bernhard, unser Jüngster, saß in einem umgedrehten Tischchen wie in einem kleinem Boot. Der Unterricht fand im Flur auf dem Boden statt. Die Schulsachen brachte ich jeden Morgen in einer Papiertüte mit, später waren sie in einer Kiste verstaut, die ein ghanaischer Schreiner uns gebaut hatte. Täglich haben wir mit den Kindern „geturnt“, wir haben Übungen mit ihnen gemacht, die Susanne, die ja Kinderärztin ist und ebenfalls eine Woche bei uns weilte, uns gezeigt hat.

Die Kinder lernen genau wie andere Kinder auch: durch Nachahmung. Aber ich hatte den Eindruck, sie lernen freudiger und dankbarer. So bekamen die Tage langsam Kontur, ein Gesicht. An manchen Tagen haben wir auch mit den Kindern etwas Besonderes unternommen, sind mit einem von ihnen zum Markt gegangen oder haben kleine Ausflüge gemacht.

Und immer wieder kamen Eltern mit ihren Kindern, alle mit einem besonderen Handycap; sie baten uns sehr, ihr Kind bei uns aufzunehmen. Und immer wieder mussten wir ihnen sagen, dass das Haus zu klein sei für mehr Kinder, dass wir aber hofften in absehbarer Zeit auf einem eigenen Grundstück ein eigenes größeres Haus zu bauen. Und dass wir dafür Geld bräuchten, für ghanaische Verhältnisse viel Geld ...

Aber wir sprachen mit den Eltern auch über die Behinderung ihrer Kinder. Wir sagten ihnen, dass in jedem Kind, in jedem Menschen ein heiler, gesunder Kern sei und dass nur der Körper und unser Verhalten manchmal behindert sei und verhindern würde, dass das eigentliche Wesen sich „normal“ äußern könne. Ich war überrascht, wie offen und tief dankbar die Eltern diese Gedanken aufnahmen. Am Ende eines solchen Meetings sagte eine Großmutter eines unserer Kinder: „Wir haben bisher die behinderten Kinder „weggeworfen“, obwohl wir sie doch eigentlich geliebt haben; nur haben wir uns diese Liebe nicht eingestanden. Und hier in diesem Haus werden die Kinder gut versorgt und auch geliebt und auch wir dürfen sie jetzt wieder lieben.“ Ich habe ihre Worte noch am selben Abend aufgeschrieben und hier so wiedergegeben.

Ja, und auch ich habe diese Kinder so richtig lieben gelernt und möchte sie gerne wieder besuchen und eine Zeit bei ihnen sein.

Patrice Reinhardt